Wenn die Vorfreude auf das nächste Stück am Ende der Pause größer ist als die Hoffnung auf die Pause am Ende des laufenden Stücks, darf man durchaus von einem gelungenen Theaterabend sprechen. Trotz ausgezeichneter Bewirtung in den Pausen traf dieses Qualitätsmerkmal eindeutig auf die Werkschau der Oberstufenkurse des Fachs Darstellendes Spiel am Gymnasium Michelstadt zu. Am 24. April luden dazu der Kurs der E-Phase unter der Leitung von Alina Wendel sowie die beiden Q2-Grundkurse von Grit Metzler und Christiane Schwermer ein.
Schwermer begrüßte als Fachbereichsleiterin das zahlreich erschienene Publikum und skizzierte den roten Faden des Abends: Alle Kurse hatten literarische Vorlagen aufgegriffen, weitergedacht und mit eigenen Ideen, Perspektiven und Pointen neu auf die Bühne gebracht.
Den Auftakt gestaltete die E-Phase mit „Grenzen im Kopf. Mauern im Miteinander“. Entstanden war das Projekt aus einer theaterpädagogischen Auseinandersetzung mit Gruppendynamiken, Ausgrenzung und Fremdheit. Angelehnt an Yael Ronens „Planet B“ rückte jedoch nicht der Kampf ums Überleben in den Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Gemeinschaften auf das Fremde reagieren – und ob es gelingen kann, Barrieren zu überwinden. Einige Gruppen arbeiteten dabei mit tierästhetischen Codes: Mal deutlich erkennbar, mal nur angedeutet wurden verschiedene Tierarten körperlich und szenisch umgesetzt.
Im Anschluss widmete sich der Kurs von Grit Metzler mit George Orwells „Farm der Tiere“ einem Klassiker des derzeit äußerst beliebten dystopischen Genres. Anders als im Original sowie in den Darstellungen der E-Phase standen allerdings nicht Tiere, sondern Menschen im Zentrum der Adaption mit dem Titel „Für immer Frühling“. Die Schülerinnen und Schüler nutzten diese Verschiebung geschickt, um subtil auf reale politische Akteure und aktuelle Entwicklungen anzuspielen. Die große Stärke des Stücks lag darin, nicht zu einer plumpen Parodie zu verkommen, sondern die literarische Vorlage – bereichert durch musikalische und chorische Elemente – in ein tagesaktuelles Statement zu verwandeln.
Mit Spannung wurde nach der zweiten Pause erwartet, ob und wie es dem Kurs von Christiane Schwermer gelingen würde, die einigen Zuschauern bekannte, eher hausbackene Verfilmung der Novelle „Das Wirtshaus im Spessart“ von Wilhelm Hauff aus den 1950er-Jahren in die Gegenwart zu überführen. Schnell wurde deutlich, dass sich die Schülerinnen und Schüler in ihrer Version mit dem Titel „Wirtshaus – Schuhe aus“ einiger origineller Kunstgriffe bedienten: Figuren wurden gestrichen, umbenannt oder liebevoll neu gezeichnet. Neben der resoluten Wirtin mit konsequentem Schuhreglement und dem charmanten Räuberhauptmann sorgte insbesondere die Rolle des Klavierspielers, der im entscheidenden Moment weit mehr als nur Klavierspieler war, für Begeisterung.
Am Ende der ebenso vielfältigen wie abwechslungsreichen Werkschau spendete das Publikum langanhaltenden Beifall. Die beteiligten Kurse nutzten die Gelegenheit, sich bei ihren Kursleiterinnen für die intensive gemeinsame Arbeit in den zurückliegenden Wochen zu bedanken.
Einige Impressionen des Abends:


Das Odenwälder Echo berichtete in seiner Ausgabe v. 12.05.2026.